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Polymath-Profile: Warum der Arbeitsmarkt 2027 sie sucht

Polymath-Profile verbinden zwei Kompetenzfelder und sichern Positionen, die der Schweizer Arbeitsmarkt 2027 dringend braucht.

Dr. phil. Raphael Rues
Dr. phil. Raphael Rues
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Polymath-Profile: Warum der Arbeitsmarkt 2027 sie sucht

Wer die aktuellen Arbeitsmarktzahlen für die Schweiz liest, findet kein einheitliches Bild, sondern eine Gabelung. Der gesamtwirtschaftliche Fachkräftemangel-Index von Adecco und dem Stellenmarkt-Monitor der Universität Zürich ist 2025 um rund 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr gefallen, die Arbeitslosenquote steigt leicht auf über 2,8 Prozent, und ausgerechnet in Büro-, Verwaltungs- und klassischen ICT-Berufen zeichnet sich ein Überangebot ab, weil diese Berufsgruppen gegenüber der Substitution durch künstliche Intelligenz besonders stark exponiert sind.

Gleichzeitig bleibt der Mangel in einer kleinen Zahl klar abgrenzbarer Felder strukturell und dürfte sich eher verschärfen als entspannen: Gesundheitswesen, Bau, technische Berufe und Elektronik, dazu spezialisierte ICT-Nischen wie Cybersecurity, Cloud-Architektur und Datenanalyse.

Der Arbeitsmarkt 2027: Mangel und Überangebot zugleich

Dahinter steht ein demografischer Effekt, der sich nicht wegdiskutieren lässt. Zwischen 2025 und 2030 verlässt die Schweiz jährlich eine Kohorte von rund 90'000 Erwerbstätigen, während nur etwa 75'000 junge Menschen nachrücken, und bis 2035 verschiebt sich das Verhältnis von Pensionierten zu Erwerbstätigen weiter zu Lasten der aktiven Bevölkerung. Wer heute seine berufliche Position plant, tut das also nicht in einem stabilen Umfeld, sondern in einem Markt, der je nach Segment gleichzeitig schrumpft und wächst.

Warum Kombinationen wichtiger werden als Einzelfächer

Aus dieser Lage ergibt sich eine Verschiebung der eigentlichen Fragestellung (siehe unseren Beitrag vom Juni 2026). Es geht nicht mehr darum, welches Einzelfach am meisten gesucht wird, sondern welche Verbindung zweier Felder eine Position schafft, die weder von einer einzelnen Fachperson noch von einer KI-Anwendung ohne Weiteres ersetzt werden kann.

Der Befund aus dem Schweizer Cybersecurity-Arbeitsmarkt bringt das auf den Punkt: Ein Lebenslauf mit Firewall-Kenntnissen, SIEM und ISO 27001 ist solide, wirklich gefragt sind aber Profile, die Cloud-Umgebungen, Identitätsmanagement und Incident-Koordination miteinander verbinden können. Der Markt belohnt Tiefe in Kombination mit der Fähigkeit, zwischen Feldern zu vermitteln (siehe unseren Beitrag vom 15. Juni 2026).

Dasselbe Muster zeigt sich branchenübergreifend: Der WEF Future of Jobs Report und der Skills Economy Report 2026 nennen übereinstimmend eine Kombination aus technologischer Kompetenz, insbesondere im Bereich künstliche Intelligenz und Datenanalyse, mit domänenspezifischem oder zwischenmenschlichem Wissen als das eigentliche Wachstumsfeld. Nicht die Technologie allein.

Für zwei sehr unterschiedliche Ausgangslagen ergeben sich daraus unterschiedliche Konsequenzen. Wer noch am Anfang der Laufbahn steht, verfügt noch über keine gewachsene fachliche Tiefe, die sich mit einem zweiten Standbein kombinieren liesse. Für diese Gruppe bedeutet die polymathische Logik, von Beginn an bewusst zwei komplementäre Vertiefungen aufzubauen, statt sich auf eine einzige, potenziell kurzlebige Spezialisierung festzulegen.

Berufsleute über fünfzig verfügen dagegen bereits über eine belastbare Tiefe in einem Feld. Für sie bedeutet dieselbe Logik, diese vorhandene Tiefe mit einer zweiten Kompetenzfläche zu verbinden, die nicht redundant, sondern komplementär ist und sich mit realistischem Zeitaufwand erschliessen lässt (siehe unseren Beitrag vom Mai 2026).

Konkrete Paarungen für Berufseinsteigende und Berufsleute 50+

Einige Paarungen lassen sich aus der aktuellen Datenlage konkret ableiten. Cybersecurity oder Cloud-Sicherheit in Verbindung mit Regulatorik, etwa NIS2, ISO 27001 oder dem Schweizer Datenschutzgesetz, gehört dazu: Der Fachkräftemangel-Index in diesem Feld liegt bei rund 8,7 von 10, der Medianlohn bei etwa CHF 118'000, und 60 Prozent der befragten Sicherheitsverantwortlichen nennen Qualifikationslücken als grösseres Problem als reinen Personalmangel.

Auch ESG ( Environmental, Social, and Governance - auf Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) - und Nachhaltigkeitsberichterstattung in Verbindung mit Datenanalyse und Compliance gewinnt an Gewicht: Die Nachfrage nach ESG-Expertise in der Schweiz hat sich seit 2024 verdoppelt, weil die EU-Richtlinie zur Unternehmensberichterstattung über Lieferketten auch Schweizer Zulieferer erfasst, und gefragt sind hier explizit Datenanalystinnen, Compliance-Fachpersonen und Kommunikationsprofis, nicht reine Nachhaltigkeitsidealisten.

Im Gesundheitswesen zeigt sich ein ähnliches Muster: Anfang 2026 waren über 15'000 Stellen unbesetzt, mit dem stärksten Wachstum bei Pflegefachpersonen, während laut dem Swiss E-Health-Barometer 2026 rund zwei Drittel der Ärzteschaft eigenen Ausbildungsbedarf bei digitalen Schnittstellen sehen.

Und in der MEM-Industrie, die gemäss dem Fachkräftemonitor von Angestellte Schweiz bis 2031 rund 83'000 zusätzliche Fachkräfte benötigt, liegt ein wenig genutzter Pfad im Wechsel von der reinen Fachrolle in die Vermittlung dieses Wissens an die nächste Generation.

KI-Kompetenz allein schützt nicht mehr

Verengt man den Blick auf das Umfeld künstliche Intelligenz und Informatik selbst, verschiebt sich die Frage noch einmal. KI-Kompetenz ist inzwischen Grundausstattung, keine Differenzierung mehr.

Entscheidend ist, welche zweite Kompetenzfläche sie vor Austauschbarkeit schützt. Erstens ist die KI-Nutzung in der Schweiz stark ungleich verteilt: Besonders verbreitet ist der Einsatz in grossen Unternehmen sowie in digitalisierten Wissensbranchen wie Informations- und Kommunikationstechnologie, bei Finanzdienstleistern und in der Pharmaindustrie, während Bau, Verkehr, Gesundheit, Handel sowie traditionelle Industriebranchen wie Holz, Papier und Textil deutlich zurückliegen.

In den bereits gesättigten Branchen herrscht der grösste Wettbewerb um KI-Talente, während in den nachhinkenden Branchen ein noch kaum besetztes Feld liegt, in dem Personen gebraucht werden, die KI und die jeweilige Fachdomäne gleichzeitig verstehen.

Zweitens, und das ist die eigentliche Warnung: Eine Studie des Think Tanks Avenir Suisse rechnet damit, dass künftig rund 490'000 Büroarbeitskräfte in der Schweiz in direkter Konkurrenz zu künstlicher Intelligenz stehen könnten, wobei Branchen mit hohem Bürojob-Anteil wie Finanzwesen, IT und Kommunikation naturgemäss stärker betroffen sind als Landwirtschaft, Gastronomie oder Bau.

Reine KI-Anwenderkompetenz innerhalb dieser Branchen ist also selbst gefährdet, wenn sie nicht mit einer zweiten, schwerer automatisierbaren Kompetenz verbunden wird. Die Position «Ich kann mit KI umgehen» reicht nicht mehr aus, tragfähiger ist «Ich verantworte, was die KI tut» oder «Ich bringe die KI dorthin, wo noch niemand sie hingebracht hat».

Daraus lassen sich konkrete Rollen ableiten: der AI-Auditor, der Algorithmen auf Fairness und regulatorische Konformität prüft, besonders in Banken, Versicherungen und Behörden; die Verbindung von KI mit Finanzcompliance und Regulierungstechnologie, etwa im Bereich Geldwäscherei-Prävention; die Data-Ethics-Funktion, die Unternehmen bei einem verantwortungsvollen Umgang mit Daten begleitet, was in einem Land mit hohem Institutionenvertrauen besonderes Gewicht hat; und die Rolle der Übersetzerin oder des Übersetzers zwischen KI und einer unterdigitalisierten Branche wie Bau, Gesundheitsadministration oder traditioneller Industrie, wo deutlich weniger Konkurrenz herrscht als im übersättigten Finanz- oder ICT-Feld.

Wo die Positionierungslücke bleibt

Zur Vollständigkeit gehört eine Einschränkung. Eine Paarung ist nur so werthaltig, wie die zweite Kompetenzfläche tatsächlich komplementär ist und nicht selbst zu den schrumpfenden Feldern gehört.

Künstliche Intelligenz in Verbindung mit einfachen Tabellenkalkulationskenntnissen ist heute keine Differenzierung mehr, sondern die Grundausstattung. Auch das Berufsbild des sogenannten Prompt-Architekten, der strukturierte Eingaben für KI-Systeme entwickelt, gehört zu den methodisch instabilen Positionierungen, weil sich Modelle zunehmend selbst um die Optimierung ihrer Eingaben kümmern.

Als alleiniges zweites Standbein ist diese Kompetenz zu volatil, insbesondere für Berufsleute mit einem begrenzten Zeithorizont bis zur Pensionierung (siehe unseren Beitrag vom 12. Juli 2026).

Die durchgehende Konstante über alle genannten Beispiele hinweg lautet: Nicht die KI-Kompetenz selbst ist das Differenzierungsmerkmal, sondern die Fähigkeit, für ihre Nutzung Rechenschaft abzulegen, sie in ein reguliertes Umfeld zu übersetzen oder sie in eine Branche zu bringen, die noch keine eigene Übersetzungsfunktion dafür hat.

Für den Schweizer Arbeitsmarkt 2027 bedeutet das eine Verschiebung der eigentlichen Herausforderung. Die reine Kompetenzlücke schliesst sich zunehmend von selbst, weil KI-Grundwissen zur Commodity wird. Offen bleibt die Positionierungslücke: die Frage, wofür genau eine Person, im Unterschied zu einer reinen KI-Anwendung, noch gebraucht wird.

Genau an diesem Punkt setzt CVCoach an. Die App übersetzt die hier beschriebene Positionierungslücke in eine konkrete, individuelle Auswertung: CareerRadar zeigt, wie das eigene Profil im Verhältnis zu offiziellen Schweizer Arbeitsmarktdaten (BFS, SECO, ESCO, Eurostat) tatsächlich steht, SkillNavigator identifiziert, welche zweite Kompetenzfläche das vorhandene Fachwissen sinnvoll ergänzt statt es zu duplizieren, und ReRoute begleitet den Übergang in eine neue, komplementäre Ausrichtung mit einem klaren Pfad statt mit einer beliebigen Liste an Weiterbildungen.

Wer die polymathische Logik nicht nur verstehen, sondern für die eigene Laufbahn konkret durchrechnen will, findet in CVCoach damit die naheliegendste Umsetzung dieses Artikels.

Häufige Fragen zu Polymath-Profilen im Schweizer Arbeitsmarkt

Warum reicht reine KI-Kompetenz auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr aus? Weil laut Avenir Suisse rund 490'000 Büroarbeitskräfte in der Schweiz in direkter Konkurrenz zur KI stehen, besonders in Finanzwesen, IT und Kommunikation; nur die Verbindung mit einer zweiten, schwerer automatisierbaren Kompetenz schützt vor Austauschbarkeit.

Welche Berufsfelder bleiben in der Schweiz bis 2027 strukturell unterversorgt?
Gesundheitswesen, Bau, technische Berufe und Elektronik sowie spezialisierte ICT-Nischen wie Cybersecurity, Cloud-Architektur und Datenanalyse.

Was bedeutet ein Polymath-Profil für Berufsleute über fünfzig?
Es bedeutet, die vorhandene fachliche Tiefe mit einer zweiten, komplementären Kompetenzfläche zu verbinden, statt eine zweite, redundante Spezialisierung aufzubauen.